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17. - 20. Februar 2021 // Nürnberg, Germany

BIOFACH Newsroom

„Bio wirkt!“… positiv auf das Gemeinwohl und schafft ein besseres Leben auf dem Land.

Portrait Bablu Ganguly (links im Bild)
Bio wirkt!
© Karin Heinze

Interview mit Bablu Ganguly, Timbaktu Kollektiv

Der Kongress-Schwerpunkt der BIOFACH 2020 beschäftigt sich unter der Überschrift „Bio wirkt!“ mit der positiven Wirkung einer ökologischen Wirtschaftsweise. Das sechste Gespräch der BIOFACH-Interviewserie zum Thema beschäftigt sich mit den positiven Effekten von Bio für das Gemeinwohl.

Seit den bescheidenen Anfängen vor 30 Jahren, ist das Timbaktu-Kollektiv in Indien zu einem Best-Practice-Beispiel geworden, das in vielen verschiedenen Bereichen zu mehr Lebensqualität im ländlichen Raum geführt hat, mit vielfältigen Zukunftsperspektiven.

Bablu Ganguly, Mitbegründer des Kollektivs, können Sie uns bitte die intellektuellen und strategischen Wurzeln des Erfolgsmodells erklären?

Als Erstes muss ich Ihnen sagen, dass wir zu Beginn des Kollektivs kein Konzept und keine strategischen Pläne hatten. Wir wussten nur, dass wir, wenn wir Veränderungen herbeiführen wollten, auf einen Marathon vorbereitet sein mussten. Denn die Welt ändert sich ständig und wir mussten unsere Strategien und damit die Art von Projekten, die wir starteten, ständig ändern. Wir begannen mit dem Versuch, ein Stück unfruchtbares Land zu regenerieren und zu heilen, und heute versuchen wir schließlich, die lokale Wirtschaft zu regenerieren und zu revitalisieren und die Genossenschaftsbewegung gewissermaßen neu zu erfinden. Resilienz, Revitalisierung, Regeneration und Reanimation sind zu unseren Themen geworden.

Was auch immer wir erreichen konnten, es liegt am Konzept „Sangha". Das ist eine Art informeller Zusammenschluss der teilnehmenden Menschen aus einem Dorf. Die Sangha ist der Kern unserer gesamten Arbeit. Wenn wir über unsere Arbeit mit Frauen, mit Menschen mit Behinderungen, mit Bauern, mit den landlosen Landarbeitern und sogar mit Kindern und Jugendlichen sprechen, sind alle in Sangha-Gruppen organisiert. Alle Sanghas treffen sich mindestens einmal im Monat. Diese Sanghas werden in gesetzlich registrierten Genossenschaften mit Gesellschaftern und gewählten Direktoren, etc. zusammengefasst. Die Strategie besteht darin, die Menschen auf Dorfebene zu organisieren, zu bündeln und Cluster zu bilden. Durch diese Genossenschaften nimmt das Kollektiv Programme auf, sehr transparent und in demokratischer Mitbestimmung.

Das Timbaktu-Modell passt sehr gut zu den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) – halten Sie es für notwendig, diese Ideen in Zeiten der Klimakrise und der negativen Auswirkungen der Agrarindustrie zu multiplizieren?

Auf jeden Fall! Ich glaube nicht, dass wir irgendetwas tun, was nicht in einem anderen Teil der Welt nachahmbar ist. Unsere Arbeit in den Bereichen Ökologie oder Landwirtschaft, unsere Arbeit mit Frauen, Menschen mit Behinderungen, Landarbeiterinnen, mit Kindern und Jugendlichen ist eine sinnvolle Arbeit. Sie hat mit Menschenwürde, Solidarität und sozialer Gerechtigkeit zu tun. Durch die Revitalisierung der lokalen Wirtschaft und die Wiederbelebung von Ökosystemen führt sie zur Minderung der Auswirkungen des Klimawandels, zu ökologischer Nachhaltigkeit, Transparenz und demokratischer Mitbestimmung in allen Bereichen der Entwicklung und Wirtschaft. Im Wesentlichen haben alle ein gutes Leben zum Ziel.

Was ist das Schlüsselelement, das im ersten Schritt zu realisieren ist?

Die Idee ist, Beziehungen und soziales Kapital aufzubauen. Starke, herzliche, kooperative, ehrliche, respektvolle Beziehungen. Das ist meiner Meinung nach der Kern und das Schlüsselelement. Dies ist auch Teil des Denkens in der Bio-Bewegung weltweit. Wir haben, glaube ich, in drei Jahrzehnten das Sozialkapital in diesem Bereich aufgebaut. So können unsere Projekte funktionieren und die Menschen können diese selbst gestalten. Das ist nicht einfach und muss langsam und stetig aufgebaut werden. Wir alle müssen lernen, einander zu vertrauen und uns gegenseitig zu respektieren. Dann wird der Rest folgen.

Oftmals ist nicht die ökologische Produktion von Waren die größte Herausforderung, sondern die Schaffung eines stabilen Marktes für die Produkte. Wie gelingt das?

Ich stimme zu, dass dies der Schlüssel ist. Die Auseinandersetzung mit dem Markt ist ein weiteres wesentliches Element. Wir müssen jedoch den ärmeren und benachteiligten Menschen dazu verhelfen, sich aus einer Position der Stärke heraus, mit dem Markt vertraut zu machen. Das betrifft nicht den Umgang mit Zahlen, sondern auch, dass wir mit einem gewissen Kapitaleinsatz arbeiten. Das Feld da draußen ist nicht eben und wir müssen helfen, es zu ebnen. Dies konnten wir bewerkstelligen dank der starken Unterstützung, die wir von Organisationen wie dem Sir Dorabji Tata Trust, Mumbai, dem BfW, Berlin, und vielen Freunden und Einzelpersonen erhalten haben, die glauben, dass eine andere Welt und eine andere Wirtschaft möglich ist. Nein, nicht nur möglich, sondern extrem wichtig!

Auf der anderen Seite werden sich die Verbraucher immer mehr bewusst, dass etwas nicht stimmt. Die Lebensmittel, die sie essen, sind nicht besonders lecker und gesund. Sie suchen nach Lebensmitteln, die wirklich gut, fair und gesund sind. Die Marke Timbaktu Organic hat im Laufe der Jahre dieses Vertrauen aufgebaut und die Geschichte, die dahintersteht, ist wahr und gut.

Sie sind auch Vorstandsmitglied der IFOAM Organics International, dem globalen Dachverband der Bio-Bewegung. Wie schätzen Sie die Perspektiven des ökologischen Landbaus in Verbindung mit den Idealen der Gemeinwohl Ökonomie ein? Oder ist es nicht überhaupt Zeit für einen Durchbruch des ökologischen Landbaus und der Gemeinwohlwirtschaft?

Ja, ich bin Vorstandsmitglied der IFOAM Organics International. Dies hat mir die Möglichkeit gegeben zu reisen und viele Menschen aus der ganzen Welt zu treffen. Wohin ich auch gehe, ob in Indien oder außerhalb, die Menschen wollen gutes Essen. Doch nicht jeder will die Premium-Preise zahlen, die Bio kostet. Hier kommt das Ideal der Gemeinschaftsgüterwirtschaft ins Spiel. Die Verbraucher sollten lernen zu verstehen, dass ihre lokalen Bauern auch ein gutes Leben führen wollen. Und die Landwirte müssen verstehen, dass sie Produzenten von Lebensmitteln sind, von denen die lokalen Verbraucher abhängig sind, und dass sie gute Lebensmittel produzieren sollten.
 

Alle sollten verstehen, dass die vier Prinzipien, die Bio definieren –Gesundheit, Ökologie, Fairness und Pflege – zu einer Revitalisierung der lokalen Wirtschaft, ökologischer Nachhaltigkeit, Menschenwürde, Solidarität, sozialer Gerechtigkeit, Transparenz und demokratischer Mitbestimmung führen. Das ist übrigens auch die Bedeutung einer „echten“ Wirtschaftlichkeitsbetrachtung (True Cost Accounting).

Außerdem bezieht sich dies nicht nur auf Bio, sondern auf alle Waren, die wir produzieren und austauschen. Die Prinzipien sind die Gleichen. Und das, nur das, wird uns dahinführen, allen ein gutes Leben zu ermöglichen. Ein Leben das reichhaltig, sorgenfrei und gesund ist!

Das Interview führte Karin Heinze, BiO Reporter International

Weiterführende Informationen

Über Timbaktu

Die ländliche Bevölkerung in Indien wie in anderen Teilen der Welt hat in den letzten Jahrzehnten sehr komplexe Veränderungen und Zeiten der Verunsicherung erlebt. Die kleinbäuerlich geprägten Gesellschaften und Gemeinschaften sind von Migration und Verstädterung betroffen, da es in der Landwirtschaft nicht allzu viele Zukunftsperspektiven für die nächsten Generationen gibt. Der biologische Landbau und die sozial-ökologischen Gemeinschaften eröffnen jedoch neue Perspektiven. Ein Leuchtturmprojekt mit einer Kombination aus Ökologie und dem Spirit des Sozialunternehmertums ist in Andhra Pradesh, Südindien zu finden. Bablu Ganguly und Mary Vattamattam gründeten 1990 Timbaktu (eine intentionale Gemeinschaft) und das Timbaktu Collective (eine Freiwilligenorganisation / NGO), aus der Überzeugung heraus, dass etwas für die Weiterentwicklung und Unterstützung der ländlichen Bevölkerung getan werden muss. Mit seiner Erfahrung als Entwicklungsaktivist, Gemeindeorganisator, Projektleiter und Vorsitzender des Young India Project (YIP) sowie Mitbegründer der Federation of Andhra Pradesh Agricultural Labourers' Unions, initiierte Bablu mit Mary das Timbaktu Kollektiv auf einem 32 Hektar großen, trockenen, kargen Stück Land. Es ist zu einem in vielerlei Hinsicht reichen Kollektiv geworden und fungiert heute als Modell für andere Ökodörfer und Gemeinschaften.

Das Timbaktu-Kollektiv, das aus dem Experiment in Timbaktu hervorgegangen ist, ist eine gemeinnützige Organisation, die in 182 Dörfern mit rund 25.000 Familien an verschiedenen Themen arbeitet, und zwar:

  • der Stärkung und finanziellen Eingliederung von Frauen aus benachteiligten Familien
  • der Wiederherstellung von Ökosystemen, Erhaltung von Ödland zur Regeneration der Savanne, Schutz und der heimischen Tierwelt
  • der Stärkung der Lebensgrundlagen von Kleinbauern durch den ökologischen Landbau und die Einbeziehung der gesamten Lebensmittelkette vom Saatgut bis auf den Teller
  • der Stärkung und Entwicklung der Lebensgrundlagen von landlosen Landarbeitern durch Tierhaltung
  • der Entwicklung der Rechte von Kindern, Jugendlichen, Menschen mit Behinderungen und Dalits (Unberührbare).

Alle Maßnahmen dienen der Erneuerung der Ökosysteme des Gebietes, der Wiederbelebung, der lokalen Wirtschaft und der Wahrung der Rechte der ländlichen Randgruppen, damit sie in Würde und in Solidarität leben können. Das Kollektiv hat eine entscheidende Rolle bei der Förderung des ökologischen Landbaus, der Vermarktung und dem Konzept der ökologischen Nachhaltigkeit in Indien gespielt. Timbaktu hat das Modell genossenschaftlich verwalteter Unternehmen weiterentwickelt und gefördert, indem sie die Ideen von Solidarität, Transparenz und demokratischer Mitbestimmung aufgenommen hat.

Vita

CK 'Bablu' Ganguly wurde 1956 geboren.

Aufgewachsen und ausgebildet wurde er in Mumbai und Bangalore.

Er studierte Ökonomie an der University of Bengaluru.

Berufserfahrung:

Bablu arbeitete von 1978 bis 1990 mit dem Young India Project (YIP) zusammen. Er war Mitbegründer der Federation of Andhra Pradesh Agricultural Labourers' Unions.

1990 gründete Bablu Ganguly (Sekretär) zusammen mit Mary Vattamattam (Vorsitzende) das Timbaktu-Kollektiv (www.timbaktu.org).

Bablu ist Landwirt, Entwicklungsaktivist, Sozialunternehmer und Change-Maker. Er ist Mitglied des World Board von IFOAM - Organics International.

Was wurde in Timbaktu erreicht und gefördert?

Das Timbaktu-Kollektiv arbeitet in 182 Dörfern und mit rund 25.000 benachteiligten Familien zusammen – landlose Arbeiter, benachteiligte Kleinbauern sowie Frauen, Kindern, Jugendlichen, Dalits (Rechtlose) und Menschen mit Behinderungen.

Zu den Arbeitsfeldern gehört die Förderung von vier unabhängigen Sparkooperativen für Frauen, die als alternative Banken fungieren, mit einer Gesamtzahl von über 24.000 Mitgliedern, die von Frauen für Frauen geführt und verwaltet werden. Darüber hinaus auch die Förderung einer Landwirtschafts- und Marketing-Kooperative von Landwirten mit 2000 Kleinbauern als Mitgliedern und die Förderung eines großen, von der Timbaktu geleiteten Naturschutz- und Landschaftsregenerationsprogramms das rund 9.000 Hektar biologisch vielfältiges Savannenland und tropischen Dornenwald umfasst in Partnerschaft mit 10 Dörfern.

Das Kollektiv Timbaktu hat verschiedene nationale und internationale Auszeichnungen erhalten, die seine Arbeit würdigen.

Statement Louise Luttikholt, IFOAM Organics International:

"Der biologische Landbau ist viel mehr als nur eine weitere landwirtschaftliche Praxis".

"Ökologischer Landbau ist gut für die Erde! Wir wissen, dass es gut für unsere Umwelt ist. Doch der Ökolandbau ist so viel mehr. Es ist nicht nur eine weitere landwirtschaftliche Praxis, sondern kann auch zum Aufbau von Gemeinschaften und zum sozialen Wohlbefinden beitragen. Und es hilft, die SDGs (Sustanability Development Goals) zu erreichen. Bei zwei Bio-Projekten im Süden Indiens konnte ich sehen, wie das funktioniert.
Die Bauern arbeiten zusammen und tauschen ihre Erfahrungen aus, sie werden von der Gemeinschaft unterstützt, ihre Produkte zu vermarkten und profitieren von mehr finanziellen Möglichkeiten, um zum Beispiel über eine gute Ausbildung ihrer Kinder nachzudenken. Aber das Beste war, ihren Stolz zu sehen, als wir mit ihnen auf den Feldern unterwegs waren und sie uns ihre Kenntnisse bei der ökologischen Bewirtschaftung ihres Bodens erklärten." 

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