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12. - 15. Februar 2020 // Nürnberg, Germany

BIOFACH Newsroom

Quo Vadis Bio-Branche? So macht sich der Wertewandel in der Ökologischen Landwirtschaft und Naturkosmetik bemerkbar

Interview

Portrait Elfriede Dambacher, Portrait Dr. Felix Prinz zu Löwenstein

„Wir können nicht erwarten, dass 100 Prozent Bio mit unserem derzeitigen Ernährungsstil funktioniert.“

Die guten Wirtschaftszahlen in den Bereichen Ökologische Lebensmittelwirtschaft und Naturkosmetik stimmen positiv, denn Bio-Lebensmittel und Naturkosmetik sind klar auf der Überholspur. Entsprechend freudig dürften die meisten Branchenvertreter der BIOFACH und der VIVANESS 2020 Mitte Februar in Nürnberg entgegenfiebern. Um herauszufinden, was die wichtigsten Entwicklungen, Herausforderungen und Trends sind, haben wir mit zwei absoluten Branchenexperten gesprochen: dem Vorsitzenden des deutschen Bio-Spitzenverbands Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, und der Inhaberin des Beratungsunternehmens naturkosmetik konzepte, Elfriede Dambacher.

Herr Löwenstein, Im Jahr 2017 erlösten deutsche Bio-Bauern 12 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Jahr 2018 stellten täglich fünf Höfe auf Öko um. Ist die Ökologische Lebensmittelwirtschaft nicht nur äußerst rentabel, sondern bald auch der Standard?

Löwenstein: Bio rentiert sich vor allem für die Allgemeinheit, weil die Ökologische Lebensmittelwirtschaft Lösungsbeiträge für Klimakrise, Arten- und Höfesterben bietet. Das zeigen weltweit Studien immer wieder. Standard ist sie zwar noch lange nicht. Aber sie ist Wegbereiter für eine Landwirtschaft und Ernährung, wie wir sie angesichts der Brisanz der Probleme so schnell wie möglich brauchen – und zwar zu 100%!

Wie sieht das in der Naturkosmetikbranche aus, Frau Dambacher? Laut GfK gibt es seit Beginn 2018 1,8 Millionen neue Käufer von Naturkosmetikprodukten. Allein im ersten Halbjahr 2019 erreichte Naturkosmetik im deutschen Naturkosmetikmarkt ein Umsatzplus von acht Prozent.

Dambacher: Wir sind noch weit entfernt davon, dass Naturkosmetik das Gros des gesamten Kosmetikmarktes ausmacht. Fakt ist aber, dass der Kosmetikmarkt generell grüner wird. Das heißt, dass die Kosmetikindustrie, die mehrheitlich Substanzen und Stoffe verwendet, die aus der Petrochemie stammen, zunehmend neue Wege geht. Man spricht deshalb auch bereits vom postmineralischen Zeitalter in der Kosmetik.

Wie kommt es dazu?

Dambacher: Der Grund ist ganz einfach: Wir haben einen Wertewandel in der Gesellschaft. Aktuell hören wir ja sehr viel über den Klimawandel. Aber auch Diskussionen über Substanzen wie Mikroplastik führen dazu, dass immer mehr Konsumenten weltweit darauf achten, mit was sie ihre Haut pflegen. Gleichzeitig ist das Vertrauen in die Kosmetikindustrie erschüttert, da bisher sehr wenig Transparenz vorhanden war: Wie sehen die Produktionsbedingungen aus? Welche Substanzen sind im Produkt enthalten? Und was machen die mit der Umwelt und mit meiner Haut? Da punktet natürlich Naturkosmetik überproportional – sowohl bei der Transparenz als auch bei den Substanzen, die ja generell in den Naturkreislauf zurückgeführt werden können.

Wie sieht das bei Ihnen aus, Herr Löwenstein?

Löwenstein: Die Ernährungswende geht nur gemeinsam. Doch die Praxis und die Gesellschaft treiben die Politik ganz schön vor sich her, das sehen wir ja deutlich auf den Agrardemos im Januar in Berlin oder der Fridays for Future Bewegung. Oder hätten Sie vor zehn Jahren geglaubt, dass Pestizide oder Bienen Themen in der Tagesschau sein würden? Die Menschen merken, dass es so nicht weitergeht und fordern, dass sich etwas ändert – nicht nur auf der Straße, sondern auch mit ihrem Wahlzettel, Volksbegehren oder auch an der Ladenkasse. Das verstärkt den Druck auf Politik und Wirtschaft.

Haben die zunehmende Sensibilisierung der Gesellschaft für Klima- und Naturschutz durch Personen wie Greta Thunberg oder die Fridays for Future Bewegung auch einen Impact auf die Kosmetikbranche, Frau Dambacher?

Dambacher: Das ist natürlich gerade ein sehr öffentlichkeitswirksames Thema. Aber wenn man dahinter schaut, sieht man, dass da sehr wohl eine Veränderung stattgefunden hat. Während es in den 80er Jahren eher darum ging, wegzukommen von den umweltschädlichen Mineralölen und Chemikalien, stehen heute ethische und nachhaltige Kriterien im Vordergrund. Es geht auch um Gerechtigkeit in der Welt, um soziale, ökologische und ökonomische Ziele. Schließlich ist die Generation der Fridays for Future ja bereits mit Bio als Selbstverständlichkeit aufgewachsen. Sie erwarten bei Naturkosmetik gar nichts anderes als Bio-Inhaltsstoffe. Und sie wollen Transparenz haben, der Marke vertrauen können. Das hat sich tatsächlich verändert.

Sind es dann vor allem die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die zu dem Wachstum bei den Naturkosmetik-Konsumentenzahlen führen?

Dambacher: Nein, das Wachstum in Deutschland mit den 1,8 Millionen neuen Käufern geht quer durch alle Altersgruppen. Nachhaltigkeit ist eben ein größeres Thema beim allgemeinen Wertewandel. Es war nicht nur bei jungen Menschen eine große Erschütterung zu erkennen, als publik wurde, wie sehr durch Kosmetik die Weltmeere mit Mikroplastik belastet werden. Die jungen Menschen suchen eher ganz andere Marken, eigene Marken. Sie wollen nicht die Marken ihrer Eltern kaufen. Zudem sind sie Digital Natives und haben ein komplett anderes Kaufverhalten. Sie lassen sich beeinflussen von Influencern im Social Media Bereich, nehmen diese Informationen verstärkter auf und suchen dann die Produkte, die ganz individuell zu ihnen passen.

Herr Löwenstein, Sie sprechen immer wieder von enkeltauglicher Land- und Ernährungswirtschaft. Was verstehen Sie darunter?

Löwenstein: Wir müssen so wirtschaften, dass unsere Kinder und Enkel sauberes Wasser, gesunden Boden, stabiles Klima und funktionsfähige Ökosysteme vorfinden. Wie wir heute und hier unsere Äcker bestellen, hat mit den Lebenschancen künftiger Generationen zu tun. Und übrigens jetzt schon mit den Lebenschancen der Menschen anderswo.

Wo sehen Sie hierfür den größten Hebel?

Löwenstein: Die Transformation gelingt, wenn Sie die politischen Rahmenbedingungen ändern. Nehmen Sie die EU-Agrarpolitik. Die bestimmt mit Milliarden Euro jedes Jahr, welche Landwirtschaft sich lohnt. Hier kann die Politik klar die Weichen Richtung Öko stellen und die Bauern unterstützen, die mehr für Klima, Artenvielfalt oder Tierwohl tun, weil der Biomarkt sie für diese Zusatzleistung entlohnt.

Und wie begegnen Sie dann dem Argument der Vertreter der konventionellen Landwirtschaft, die wachsende Weltbevölkerung mit reiner Öko-Landwirtschaft sei kaum zu ernähren.

Löwenstein: Die Kollegen stehen da längst nicht geschlossen da. Viele stellen um, eben weil sie nachhaltig wirtschaften wollen. Wenn wir weitermachen wie bisher, wird niemand satt. Und wenn sie heute schauen, wo Menschen hungern, dann sind das vor allem Kleinbauern in den wirtschaftsschwachen Herkunftsländern. Ökologische Intensivierung hilft vor Ort, dass die Kleinbauern stabilere Erträge und mehr Vielfalt einfahren. Was uns angeht: Wir können nicht erwarten, dass 100 Prozent Bio mit unserem derzeitigen Ernährungsstil funktioniert. Vor allem müssen wir vom hohen Fleischkonsum runter und aufhören, einen so großen Anteil unserer Lebensmittel zu verschwenden.

Apropos selbst etwas tun: In der Naturkosmetik gibt es immer mehr junge Start-Ups, die eigene Ideen haben und auf den Markt bringen. Was machen sie anders oder besser als die etablierten Naturkosmetikhersteller, Frau Dambacher?

Dambacher: Sie sind viel flexibler. Und sie treffen mit ihren Idealen genau auf ihre Zielgruppe. Die Pioniere der Naturkosmetik orientieren sich eher an klassischen Kosmetikmarken und deren Marketingkonzepten. Das liegt auch daran, dass man zu Beginn des Aufkommens der Naturkosmetik sehr stark auf die Entwicklung von Zertifizierungssystemen gesetzt hat. Sie sollten für die nötige Abgrenzung zu konventioneller Kosmetik und zu Greenwashing sorgen und daran hat sich bis heute wenig geändert. Deswegen sind die Kreativität und der frische Wind der Naturkosmetik Start-Ups so wichtig. Da sind Marken dabei, die ganz neue, kreative und sehr schöne Ansätze haben und damit genau das Bedürfnis der Zielgruppe treffen. Der gesamte Markt wird durch diese neuen Marken belebt.

Herr Löwenstein, das Umsatzwachstum im Bio-Markt basiert stark auf den Sortimentserweiterungen der Discounter und Vollsortimenter des Lebensmitteleinzelhandels. Die Umsätze der Naturkostfachgeschäfte wuchsen im Jahr 2018 jedoch nur minimal. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?

Löwenstein: Die Kunden greifen überall zu mehr Bio. Und da Menschen in Deutschland ja nicht mehr essen, bedeutet jedes Prozent mehr Umsatz mit Öko ein Stück Transformation. Und das Gute an Bio ist ja: Wo Bio draufsteht, steckt Bio drin – egal, wo Sie das kaufen. Auch wenn Menschen im Fachhandel natürlich andere Vorteile genießen: ein riesiges Sortiment mit 100 Prozent Bio und gute Beratung beispielsweise.

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In welchen Bereichen werden Sie dann bei Ihrer Arbeit als Spitzenverband in den nächsten Jahren ihre Schwerpunkte legen?

Löwenstein: Unsere Hauptaufgabe ist es, für einen politischen Rahmen zu sorgen, mit den Bio-Bauern, -Herstellern und Händlern gut wirtschaften können. Ein dicker Brocken Arbeit ist es, das neue Bio-Recht mit Leben zu füllen, das 2021 in Kraft tritt. Aber natürlich beschäftigen uns auch die gemeinsame EU-Agrarpolitik, das Dünge-Recht, Klimaschutz, Kennzeichnung oder Außer-Haus-Verpflegung.

Wo liegen die großen Herausforderungen der Naturkosmetikbranche in den nächsten Jahren, Frau Dambacher?

Dambacher: Die Naturkosmetikbranche muss eine Kommunikation entwickeln, die auch Stand hält gegenüber den großen Marketingbudgets der Kosmetikgiganten.

Zudem muss mehr getan werden, um den Vorsprung zu wahren, indem man viel mehr wieder an die Konsumenten heranrückt und auch mehr in der Branche zusammenarbeitet. Wir haben aktuell die Situation, dass viele starke Marken nur für sich unterwegs sind. Wir haben nicht wie bei der Naturkost einen Verband, der die Interessen regelt – weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene. Wir haben lediglich verschiedene Zertifizierungskonzepte, die nebeneinander bestehen. Das war auch dieses Jahr ganz deutlich auf dem Naturkosmetik-Branchenkongress zu sehen: Experten aus dem Bereich Verpackung sagen, die Naturkosmetik wäre so viel stärker, wenn sie zum Beispiel Branchenlösungen im Bereich nachhaltige Verpackungen realisieren würde.

Sie plädieren also für die Gründung eines starken Naturkosmetik Verbands?

Dambacher: Ja, ich denke, es ist eine große Herausforderung der Naturkosmetikbranche, markenübergreifende Themen gebündelter zu bearbeiten und zu kommunizieren. Einfach um besser gehört zu werden. Denn es werden bereits sehr viele Nachhaltigkeitsaspekte und ethische Aspekte von konventionellen Kosmetikmarken und -unternehmen aufgegriffen. Deshalb ist es notwendig, dass das, was für Naturkosmetik schon lange selbstverständlich war, entsprechend laut zu kommunizieren.

Über welches Thema wird im Rahmen der BIOFACH 2020 am meisten diskutiert werden, Herr Löwenstein?

Löwenstein: Im Kongress setzen wir ja den Schwerpunkt auf die gesellschaftlichen Leistungen von Bio mit „Organic delivers – Bio wirkt“. Das Thema strahlt auch auf die Messe aus. Für uns ist die Messe aber auch ein hervorragender Platz, um mit Politik, Presse und Multiplikatoren zu aktuellen politischen Themen ins Gespräch zu kommen, die die Branche bewegen.

Und wie wird das auf der VIVANESS 2020 aussehen, Frau Dambacher?

Dambacher: Schon die letzten Jahre haben sich zwei ganz wichtige Aspekte abgezeichnet: die Rohstoffsicherung und das Thema Verpackung. Die Kosmetikindustrie greift zunehmend auf die natürlichen Rohstoffmärkte zu und Plastikvermeidung ist auch nicht nur in der Naturkosmetik ein Thema. Außerdem muss das Thema Fachkräftemangel ernst genommen werden. Natürlich hat Naturkosmetik – genau wie Naturkost – den Vorteil, dass es eine ethisch korrekte Branche ist, wo junge Leute bevorzugt gerne arbeiten. Aber sie stoßen hier eben auch eher selten auf die modernen Formen agiler Unternehmensführung, die sie sich für ihren Berufseinstieg wünschen.

Werden wir Sie auf der VIVANESS 2020 sehen, Frau Dambacher?

Dambacher: Selbstverständlich. Die VIVANESS bietet die ideale Plattform weltweit für alle, die sich fokussiert für Naturkosmetik mit und ohne Siegel interessieren. Die hohen Eintrittsbarrieren stellen eine Vorauswahl dar, die dem Besucher sehr zu gute kommt. Für mich sind das jedes Jahr die Tage, an denen ich mich ganz konzentriert informieren kann, was in der Branche ansteht, was aktuelle Trends sind und wo die Entwicklung hingeht.

Und haben Sie, Herr Löwenstein, zum Abschluss noch persönliche Tipps für die BIOFACH 2020?    

Löwenstein: Das Dilemma ist ja: Interessante Gesprächspartner mit oft außergewöhnlichen Geschichten finden Sie überall auf der Bio-Weltleitmesse – vom Bio-Pionier bis zum Start-Up, von Deutschland bis Indien. Die Zeit reicht aber nie, um alles zu sehen, zu probieren und über Landwirtschaft und Essen zu sprechen. Sehr spannend ist jedoch sicher die Sonderschau Wasser.

Vielen Dank für die spannenden Antworten.

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