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12. - 15. Februar 2020 // Nürnberg, Germany

BIOFACH Newsroom

Klimawandel und Landwirtschaft: Wir sind das Problem – und die Lösung

Vater und Kind unter Apfelbaum
© Istock - PeopleImages

Als Ende Oktober Tausende Traktoren in zahlreichen deutschen Städten die Straßen blockierten, ging es nicht nur um einen Ausdruck der Unzufriedenheit vieler Landwirte mit dem neuen Agrarpaket der Bundesregierung. Es ging auch um das Gefühl fehlender Wertschätzung. Man fühle sich als Buhmann der Politik und vieler Nichtregierungsorganisationen (NGOs), erklärten die Initiatoren der Großdemonstration. Es gäbe eine permanente negative Stimmungsmache – ein regelrechtes „Bauernbashing“. Gründe für das negative Bild sind zum einen sicher die zahlreichen öffentlich gewordenen Skandale in Bezug auf das Tierwohl in landwirtschaftlichen Betrieben. Zum anderen scheint aber auch spätestens seit den bundesweiten Fridays For Future Demonstrationen das Thema Klimawandel in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein, an dessen Brisanz jeder Einzelne, aber eben auch die derzeitige Landwirtschaft einen nicht unerheblichen Anteil hat.

Der Einfluss der Landwirtschaft auf den Klimawandel

Ein im Sommer 2019 erschienener Sonderbericht des Weltklimarates IPCC für politische Entscheidungsträger (Quelle: https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2019/08/Edited-SPM_Approved_Microsite_FINAL.pdf) legte die Fakten klar auf den Tisch: Die Land- und Forstwirtschaft und das gesamte Ernährungssystem haben einen enormen Einfluss auf das Klima. 23 Prozent der anthropogenen – also vom Menschen verursachten – Treibhausgasemissionen zwischen den Jahren 2007 bis 2016 entfielen auf diesen Sektor. Bei den Methanemissionen (CH4) betrug der Anteil 44 Prozent und beim Ausstoß von Lachgas (N2O) sogar 82 Prozent. Gerade letztere Zahl ist besonders brisant, da das Treibhausgas Lachgas fast 300-mal klimaschädlicher als Kohlendioxid (CO2) und auch am Abbau der Ozonschicht beteiligt ist. Rechnet man die der Lebensmittelproduktion vor- und nachgelagerten Emissionen im globalen Ernährungssystem hinzu, verursacht der Sektor laut der Wissenschaftler des IPCC 21 bis 37 Prozent aller Treibhausgasemissionen.

In Deutschland werden laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung rund elf Prozent der jährlichen Treibhausgasemissionen durch die Landwirtschaft verursacht. Das bedeutet, dass die hiesige Landwirtschaft und die landwirtschaftliche Landnutzung verantwortlich sind für etwa 100 Millionen Tonnen Treibhausgase – Kohlendioxid, Methan und Lachgas machen dabei jeweils etwa ein Drittel aus (Quelle: https://www.praxis-agrar.de/umwelt/klimaschutz/klimawandel-einfluss-der-landwirtschaft/). In der Landwirtschaft steckt also ein großer Hebel, um signifikant Einfluss zu nehmen auf den Klimawandel. Ob dafür allerdings die von der Bundesregierung im Klimaschutzplan 2050 festgeschriebenen Klimaschutzziele ausreichend sein werden, ist fraglich. Sie sehen vor, die jährlichen Emissionen aus der Landwirtschaft bis 2030 gegenüber 2014 um elf bis 14 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente – eine Einheit zur Vereinheitlichung der Klimawirkung unterschiedlicher Treibhausgase – zu reduzieren (Quelle: https://www.bmel.de/DE/Landwirtschaft/Nachhaltige-Landnutzung/Klimawandel/_Texte/LandwirtschaftUndKlimaschutz.html).

Wie kann die ökologische Landwirtschaft zur Problemlösung beitragen

Wenn es nach dem Vorsitzenden des deutschen Bio-Spitzenverbands Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, geht, dann scheint die Motivation und Dringlichkeit für Veränderungen auf der Hand zu liegen: „Wir müssen so wirtschaften, dass unsere Kinder und Enkel sauberes Wasser, gesunden Boden, stabiles Klima und funktionsfähige Ökosysteme vorfinden. Wie wir heute und hier unsere Äcker bestellen, hat mit den Lebenschancen künftiger Generationen zu tun. Und übrigens jetzt schon mit den Lebenschancen der Menschen anderswo.“ Was auch als enkeltaugliche Land- und Ernährungswirtschaft bezeichnet wird, ist gleichsam der Leitgedanke der Ökologischen Landwirtschaft. Erfreuliche Tendenz: Im Jahr 2018 stellten täglich fünf Höfe auf Öko um.

Konkrete Lösungsansätze, wie ökologische Landwirtschaft den Klimawandel positiv beeinflussen kann, liefert der Agrar- und Bodenwissenschaftler Prof. Dr. Andreas Gattinger: „Klimaschonende Faktoren sind die strikte Anpassung des Tierbesatzes an die Betriebsfläche und im Pflanzenbau der konsequente Einsatz von CO2-bindender Gründüngung mit stickstoffproduzierenden Leguminosen sowie der Aufbau von Humus.“ In einem exklusiven Interview über die positiven Effekten von Bio für das Klima führt er diese und weitere Notwendigkeiten und Ansätze detailliert aus.

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Wie kann jeder Einzelne zur Problemlösung beitragen

Es gibt keine Alternative: Jeder Bürger muss die eigenen Ernährungsgewohnheiten hinterfragen und anpassen. So sieht das auch Felix Prinz zu Löwenstein: „Wir können nicht erwarten, dass 100 Prozent Bio mit unserem derzeitigen Ernährungsstil funktioniert.“ Dazu gehört, was wir essen, aber auch was nicht. Den größten Impact auf das Klima haben deshalb die folgenden drei Stellschrauben, die im Übrigen gleichzeitig eine positive Wirkung auf die eigene Gesundheit, den persönlichen Geldbeutel und das Tierwohl haben:

1. Weniger Fleischkonsum

Laut der internationalen Nichtregierungsorganisation Grain und dem amerikanischen Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) waren im Jahr 2016 die fünf größten Molkereien und Fleischkonzerne (JBS, Cargill, Tyson, Dairy Farmers of America und die Fonterra Gruppe) gemeinsam für 578 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente verantwortlich – mehr als der Ölkonzern Exxon-Mobil. Die 20 größten Fleischkonzerne und Molkereien kamen im selben Jahr auf 932 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente und damit auf mehr Treibhausgasemissionen als ganz Deutschland (Quelle: https://www.grain.org/article/entries/5976-emissions -impossible-how-big-meat-and-dairy-are-heating-up-the-planet). Laut Berechnungen des Öko-Instituts verursacht die Herstellung von einem Kilogramm Rindfleisch rund 13.000 CO2-Äquivalente pro Kilogramm, Gemüse und Kartoffeln weniger als 200 (Quelle: https://www.landwirtschaft.de/landwirtschaftliche-produkte/worauf-kann-ich-beim-einkauf-achten/regional-und-saisonal/wie-kann-ich-klimabewusst-einkaufen/). Die Aussage ist also klar: Wir müssen unseren Fleischkonsum und den Konsum tierischer Produkte reduzieren und mehr pflanzliche Nahrungsmittel essen – auch im Interesse unserer Gesundheit. Der positive Einfluss ist im Übrigen noch größer, wenn sowohl bei den gegebenenfalls weiterhin konsumierten tierischen Produkten, als auch bei den pflanzlichen Produkten wert auf Bio-Qualität gelegt würde. Denn das würde langfristig beim Umbau hin zu einer grundsätzlich ökologischeren und ethischeren Lebensmittelwirtschaft beitragen. 

2. Weniger Lebensmittelverschwendung

Im Auftrag des Bundesernährungsministeriums hat das Johann Heinrich von Thünen-Institut gemeinsam mit der Universität Stuttgart in einer umfassenden Studie herausgefunden, dass in Deutschland pro Jahr rund zwölf Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle (Frischmasse) entstehen (Quelle: https://www.bmel.de/DE/Ernaehrung/ZuGutFuerDieTonne/_Texte/Studie-Lebensmittelabfaelle-Deutschland.html). Mehr als die Hälfte davon (52 Prozent = 6,14 Millionen Tonnen) fallen in privaten Haushalten an. Jeder Verbraucher und jede Verbraucherin wirft demnach im Durchschnitt etwa 75 Kilogramm Lebensmittel im Jahr weg – eine unnötige Belastung fürs Klima und den eigenen Geldbeutel. Als Relation: Pro Jahr verzehrt ein Mensch in Deutschland etwa 500 Kilogramm Nahrungsmittel.

3. Mehr regionale und saisonale Produkte

Bei der Beurteilung der Klimabilanz nach geografischen und saisonalen Aspekten scheiden sich ein wenig die Geister, da hier viele Faktoren eine Rolle spielen. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass Produkte mit eher geringen Lieferwegen und wenig Lagerzeit, also regionale und gleichzeitig saisonale Produkte, am klimafreundlichsten sind. Allerdings spielt dann auch eine Rolle, ob man für fünf Äpfel mit dem Auto zum Supermarkt fährt oder zum Beispiel das Fahrrad nimmt. Eine praktische Hilfe ist der Saisonkalender Obst und Gemüse der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, der kostenfrei online bestellt werden kann (Link: https://www.ble-medienservice.de/3917/der-saisonkalender-obst-und-gemuese-taschenformat-nur-im-10er-pack). Informieren kann man sich aber auch beim Personal im Naturkosthandel, der zudem sowieso ein großes Augenmerk auf ein bevorzugt regionales Sortiment legt.

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