• 22.07.2026

Unbubbling Sustainability: Wie Bio-Unternehmen Märkte verändern

Impact skalieren, ohne den eigenen USP zu verlieren – diese Herausforderung diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft und Verbänden auf der BIOFACH 2026.

Geschrieben von Manuela Jagdhuber

Zuhörer filmt Podiumsdiskussion zur Nachhaltigkeit mit Smartphone.

Die Bio-Branche entstand als Gegenbewegung zur industriellen Landwirtschaft. Heute stellt sich eine neue strategische Frage: Wie können nachhaltige Unternehmen ihre Ideen so öffnen, dass sie über ihre bisherigen Nischen hinaus Impact erzeugen? Im Rahmen des SustainableFutureLab auf der BIOFACH 2026 – in Kooperation mit dem GoodFoodCollective – diskutierten Timm Duffner (HEYHO), Friedemann Wecker (Bauck Mühle), Katharina Reuter (Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft) und Gyde Wollesen (followfood), warum Kooperation und Offenheit zum Schlüssel dieser Transformation werden könnten.

 

Vom Bio-Player zum Markt-Player

Der Bio-Markt ist aus einer Gegenbewegung entstanden. Was einst als Alternative zur industriellen Landwirtschaft begann, ist heute fester Bestandteil der Lebensmittelwirtschaft. Bio-Produkte stehen längst nicht mehr nur im Fachhandel, sondern im Regal neben konventionellen Alternativen. Mit dieser Entwicklung verändert sich auch die strategische Frage für viele Unternehmen. In der Pionierphase ging es vor allem darum zu zeigen, dass nachhaltige Produktion überhaupt möglich ist. Heute geht es darum, ihre Wirkung zu vergrößern.

 

Kooperation schlägt Konkurrenz

Viele nachhaltige Lösungen entstehen nicht im Alleingang. Besonders deutlich wird das bei Themen wie Kreislaufwirtschaft oder Mehrwegsystemen. Reststoffe eines Unternehmens können zum Rohstoff eines anderen werden, Abwärme kann weiter genutzt werden und Verpackungssysteme funktionieren nur dann, wenn mehrere Akteure daran beteiligt sind.
 

Katharina Reuter spricht während einer Podiumsdiskussion in ein Mikrofon.

„Bei der Kreislaufwirtschaft funktioniert vieles schlicht nicht allein“, sagte Katharina Reuter, Geschäftsführerin des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft. Als Beispiel verwies sie auf ein Berliner Pilotprojekt von Rewe, Recup, Tomra und Cycle, bei dem erprobt wurde, wie Mehrwegbecher über bestehende Rücknahmeautomaten im Handel zurückgegeben werden können. Nachhaltige Lösungen könnten nur dann zum neuen Normal werden, wenn Unternehmen gemeinsam daran arbeiten – und wenn politische Rahmenbedingungen diese Entwicklung unterstützen.

Damit verschiebt sich auch die Perspektive auf Wettbewerb. Kooperation wird zunehmend zu einem strategischen Werkzeug. Nicht jede Innovation muss exklusiv bleiben. In manchen Fällen entsteht Wirkung gerade dann, wenn Wissen geteilt wird.

Ein Beispiel dafür brachte Gyde Wollesen, Head of Impact bei followfood, ein. Das Unternehmen plant, seine Fischerei-Richtlinien öffentlich zugänglich zu machen. „Wir stellen unsere Richtlinien online, damit andere sehen können, nach welchen Kriterien wir arbeiten“, sagte sie. Wenn mehr Unternehmen ähnliche Standards übernehmen, könne sich nachhaltige Produktion schneller im Markt verbreiten.

Der eigene Wettbewerbsvorteil gehe dadurch nicht automatisch verloren. „Der USP einer Marke wird nicht automatisch zum USP der anderen“, so Wollesen. Oft werde er zunächst zu einem zusätzlichen Argument – während der Markt insgesamt wächst.

 

Nachhaltige Geschäftsmodelle neu denken

Die Diskussion zeigte auch, dass nachhaltige Geschäftsmodelle zunehmend über klassische Nachhaltigkeitsthemen hinausgehen. Sie verbinden ökologische Fragen immer häufiger mit sozialen oder organisatorischen Innovationen.

Das Sozialunternehmen HEYHO ist ein Beispiel dafür. Das Unternehmen produziert Granola – doch im Mittelpunkt steht eine andere Idee: Menschen mit schwierigen Lebensläufen eine neue Chance im Arbeitsmarkt zu geben.

Mitbegründer und CEO Timm Duffner beschreibt das Unternehmen deshalb weniger als Lebensmittelmarke, sondern eher als Experimentierfeld – auch vor dem Hintergrund eines stagnierenden Marktes: „Der Markt wächst nicht”, sagte er. „Menschen essen nicht mehr – sie essen nur anders.”

Für Unternehmen bedeutet das: Wachstum entsteht nicht unbedingt durch mehr Konsum, sondern durch neue Formen der Wertschöpfung. Nachhaltige Geschäftsmodelle verbinden wirtschaftliche Tätigkeit zunehmend mit gesellschaftlicher Wirkung.

Diese Perspektive verändert auch den Blick auf Arbeit. Viele Unternehmen seien ohnehin mit sozialen Herausforderungen konfrontiert – etwa mit Mitarbeitenden, die persönliche Krisen oder schwierige Lebenssituationen mitbringen. HEYHO versuche, daraus ein bewusst gestaltetes Organisationsmodell zu entwickeln.

 

Vom Nischenprodukt zum Wettbewerber

Gleichzeitig wurde deutlich, dass sich der Bio-Markt stärker im direkten Wettbewerb behaupten muss. Friedemann Wecker, Geschäftsführer der Bauck Mühle, betonte, dass Bio-Produkte nicht nur in einer eigenen „Bio-Ecke“ funktionieren sollten.

„Unsere beste Performance haben wir in der Kategorie – nicht in der Bio-Ecke“, sagte er. Wenn Bio-Produkte direkt neben konventionellen Alternativen stehen, erreichen sie auch neue Zielgruppen.

Für Wecker gehört dazu auch mehr Transparenz in der Kommunikation. Unternehmen müssten stärker zeigen, wie sie arbeiten und welche Entscheidungen sie treffen. „Authentische Einblicke und Gespräche – auch mit der Konkurrenz – können helfen, nachhaltige Lösungen schneller zu verbreiten.“

 

Raus aus der moralischen Bubble

Ein weiterer Punkt, der in der Diskussion mehrfach angesprochen wurde, betrifft die Kommunikation innerhalb der Branche. Nachhaltige Unternehmen bewegen sich häufig in einer sehr engagierten Szene. Das kann inspirierend sein – birgt aber auch die Gefahr, sich zu sehr nach innen zu richten.
 

Timm Duffner formulierte das zugespitzt: Die „moralische Überlegenheit“ müsse raus, wenn Nachhaltigkeit wirklich mehr Menschen erreichen wolle. Damit meinte er nicht, dass Werte unwichtig seien. Im Gegenteil: Gerade nachhaltige Geschäftsmodelle leben von klaren Prinzipien. Entscheidend sei jedoch, wie diese Werte kommuniziert werden – und ob sie auch außerhalb der eigenen Szene anschlussfähig bleiben.

Sprecher auf Bühne bei der Präsentation Unbubbling Sustainability.

Vom Pionier zum neuen Normal

Der Bio-Markt steht vor einem entscheidenden Entwicklungsschritt. Die Pionierzeit hat bewiesen, dass nachhaltige Produktion nicht nur möglich, sondern auch wirtschaftlich tragfähig ist. Nun geht es darum, die Prinzipien des ökologischen Wirtschaftens aus der Nische in die Breite zu tragen – und sie zum Maßstab für die gesamte Ernährungswirtschaft zu machen.

Das gelingt nur durch neue Allianzen zwischen Unternehmen, Handel, Landwirtschaft und Politik. Denn die nächste Entwicklungsstufe entsteht nicht allein durch Innovationen einzelner Vorreiter, sondern durch Kooperation, gemeinsame Standards und die Bereitschaft, Wissen und erfolgreiche Modelle zu teilen.

Die eigentliche Herausforderung besteht nicht mehr darin, nachhaltige Lösungen zu entwickeln, sondern ihre Wirkung zu vervielfachen. Oder anders gesagt: Nachhaltige Ideen entfalten ihr volles Potenzial erst dann, wenn sie ihre Rolle als Alternative hinter sich lassen und zum neuen Normal werden.
 

Autor

Porträt von Manuela Jagdhuber
Manuela Jagdhuber
Senior PR-consultant | modem conclusa gmbh