Wenn Bio zugleich zu teuer, zu billig und zu kompliziert wirkt
40 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, bei Bio werde viel betrogen (BÖL 2025). Gleichzeitig kennen viele Verbraucherinnen und Verbraucher die Unterschiede zwischen Siegeln und Standards nicht. Bio wird zwar gekauft, aber längst nicht automatisch verstanden. Beim Panel „Trust me if you can“ im SustainableFutureLab der BIOFACH 2026, das gemeinsam mit der Marketingagentur BAM! – Bock auf morgen stattfand, wurde deutlich, warum das Vertrauen in Bio unter Druck steht. Aus Perspektive der Konsumforschung, der Wissenschaft und der Unternehmenspraxis zeigte sich, wie stark widersprüchliche Erwartungen, mangelnde Orientierung und wachsende Ansprüche – insbesondere der Generation Z – die Bio-Branche herausfordern. Für viele wirkt Bio zugleich zu teuer, zu billig, zu industriell oder zu kompliziert. Genau diese Widersprüche setzen die Glaubwürdigkeit der Bio-Branche unter Druck. Der anschließende Hackathon übersetzte die Debatte in die Praxis – mit drei Ideen für mehr Vertrauen in Bio.
Gen Z erwartet mehr als Bio-Siegel
Carolyn Hutter, Professorin für Food Management an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, zeigte, dass Kaufmotive wie Gesundheit, Tierwohl, Frische und Umwelt zwar weiter ziehen. Gerade bei der Generation Z sei Bio aber längst kein Selbstläufer mehr. Laut aktuellen Studienergebnissen der Universität Kassel ist das Vertrauen der jungen Zielgruppe in Bio deutlich angeschlagen: „Knapp die Hälfte der Gen Z sagt: Bio ist ein Marketingtrick. Die wollen mir eigentlich nur das Geld aus der Tasche ziehen. Da ist wahrscheinlich gar nichts dahinter“, so Hutter. Zwar spielten Gesundheit, Tierwohl, Frische und Umwelt weiterhin eine wichtige Rolle beim Kauf von Bio-Produkten. Zugleich fehle es vielen jungen Konsumentinnen und Konsumenten aber an Vertrauen, Orientierung und verständlich aufbereiteten Informationen. Regionalität sei für viele greifbarer als Bio – auch weil sie einfacher zu erfassen ist. Während Bio für viele erklärungsbedürftig bleibe, wirke Regionalität unmittelbarer, sichtbarer und emotional näher. Hinzu komme: Die junge Zielgruppe wolle weiterführende Informationen, aber in einer Form, die verständlich, attraktiv und digital anschlussfähig ist. Gefragt seien einfache Botschaften statt komplexer Fachbegriffe. Zudem, so Hutter, müsse Bio stärker an alltagsnahe Trends andocken, mit denen sich jungen Menschen bereits beschäftigen – wie Gesundheit, DIY, Clean Convenience oder Snackification – um für die Generation Z relevanter zu werden.
Vertrauen in Bio herbeikommunizieren?
„Die Bio-Branche muss sich weiterentwickeln – und das tut sie nicht, und zwar nicht erst seit gestern.“ Mit diesem Satz machte Sebastian Lackner, Professor für Agrarökonomie an der Universität Rostock, gleich zu Beginn klar, wie groß er den Reformbedarf einschätzt. Vertrauen in Bio, so seine zentrale Botschaft, lässt sich nicht einfach herbeikommunizieren. Die Branche müsse ihre Umweltleistungen besser belegen und ihre Standards weiterentwickeln. Als Beispiel verwies Lackner auf die Artenvielfalt: Viele Bio-Betriebe täten in der Praxis bereits viel für Biodiversität und Gewässerschutz. Doch nicht alles sei so klar in den Richtlinien abgesichert, dass daraus automatisch ein glaubwürdiger Vorsprung abgeleitet werden könne. Genau dort müsse Bio nachschärfen. Sein Fazit: Nicht bessere Vermarktung allein, sondern mehr belegbare Substanz entscheidet über neues Vertrauen.
Sitzplatzwechsel im Marken-Tandem
Während Sebastian Lackner vor allem die strukturellen und fachlichen Schwachstellen im System Bio in den Blick nahm, zeigte Jannis Meseke, Marketingleiter bei Voelkel, wie sich diese Spannungen ganz konkret im Markenalltag niederschlagen. Seine zentrale Frage: Wie lassen sich neue Zielgruppen gewinnen, ohne den eigenen Markenkern zu verwässern? In der Praxis, so Meseke, reichten Nachhaltigkeitsargumente allein oft nicht aus, um Menschen zum Kauf zu bewegen. In der ersten Ansprache gehe es deshalb häufiger um unmittelbare Kaufmotive wie Geschmack, Gesundheit oder eine attraktive Markenwelt. „Nachhaltigkeit ist dabei in der Kommunikation aber in der zweiten Reihe. In der ersten Reihe ist der Kundennutzen“, sagte Meseke. Er bezog sich dabei auf das Konzept des „Sitzplatzwechsels im Tandem" aus dem Buch Das 60%-Potenzial von Johanna Gollnhofer und Jan Pechmann. Was Unternehmen intern antreibt – etwa Bio, Fairness, Mehrweg oder samenfestes Saatgut – steht nicht automatisch auch in der ersten Reihe der Kundenkommunikation. Dort müssten zunächst Genuss, Gesundheit und Markenattraktivität wirken. Gleichzeitig bleibe die Herausforderung, Nachhaltigkeit nicht zu weit in den Hintergrund rücken zu lassen, wenn sie doch den eigentlichen Markenkern bildet. Genau darin liege für viele Bio-Marken der Spagat zwischen Reichweite und Glaubwürdigkeit.


