Bio jenseits von Supermärkten
15.12.2023

Bio jenseits von Supermärkten

In Ihrer aktuellen Kolumne beleuchtet Branchenexpertin Hanni Rützler, wo Verbraucher abseits des Supermarktes Bio-Produkte beziehen.

Hanni Rützler hält ein Salatblatt in der Hand

Auf der Freyung, einem Platz im Herzen von Wien, gibt es seit 30 Jahren einen Bio-Bauernmarkt. Er ist der älteste rein biologische Markt in Europa. Jeden Freitag und Samstag werden hier hochwertige bio-zertifizierte Fleisch- und Milchprodukte, Obst, Gemüse, Weine, Biere, Säfte und vieles mehr angeboten. Und auch wenn heute ein Großteil der Bio-Lebensmittel in konventionellen Supermärkten und bei Discountern - vielfach in Form von Eigenmarken des Handel - gekauft wird, ist der kleine Markt auf der Freyung (https://biobauernmarkt-freyung.at/) ein lebendiges Denkmal der alternativen Vermarktung von Bio-Produkten.

Auch anderswo lieben es viele Konsument:innen direkt bei Produzent:innen einzukaufen, über Straßen- und Wochenmärkte zu schlendern, sich mit Landwirten auszutauschen und so auch mehr über die Produkte und Produktionsmethoden zu erfahren. Und das gilt vor allem für bio-affine Konsumente:innen. Ein Trend, den ich unter dem Stichwort „Meet Food“ beschrieben habe und auf den via Direktvermarktung vor allem Bio-Produzent:innen setzen. Denn sie ist der wirksamste, umfassendste und tiefgreifendste Bio-Imageträger und für viele ein wichtiges Standbein für erfolgreiches Wirtschaften am Hof. Die Betriebe können somit Stammkunden aufbauen, die aufgeschlossener gegenüber dem saisonalbedingt wechselnden Angeboten sind.

Durch die persönliche Begegnung mit Produzenten entsteht eine Identifikation vieler nicht in der Lebensmittelproduktion beschäftigten Menschen mit der Biolandwirtschaft. Neben Ab-Hof Verkauf und bestehenden Hofläden ist auf vielen Wochenmärkten eine starke Präsenz der biobäuerlichen Direktvermarkter zu verzeichnen. Und mit der Digitalisierung sind in den letzten Jahren weitere Möglichkeiten erwachsen, mit Kund:innen - auch virtuell - intensiver in Beziehung zu treten. Da sich vor allem kleine Betriebe oft keinen eigenen Webshop leisten wollen oder können, bieten nationale und regionale Bio-Verbände - in Österreich zum Beispiel Bio Austria - ihren Mitgliedern auch gemeinsame Plattformen zur Direktvermarktung via Internet an (shop.bio-austria.at).

In Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Niederlande, Belgien und Schweiz hat sich darüberhinaus auch das 2010 in Frankreich entwickelte Konzept der Markschwärmer (https://marktschwaermer.de/de) erfolgreich durchgesetzt: Ein Netzwerk, das Verbraucher und regionale Erzeuger zusammenbringt. Anders als beim Besuch auf dem Markt müssen die Lebensmittel spätestens zwei Tage vorher online bestellt und dann beim gemeinsamen Treffen in der Marktschwärmerei abgeholt werden. Lieferant:innen können so genauer planen, es bleiben keine Reste, dafür mehr Zeit für Gespräche mit den Kund:innen.

Europaweit gibt es derzeit über 900 Marktschwärmereien, davon über 130 in Deutschland. Und auch wenn nicht alle der über 3000 in Deutschland registrierten Produzent:innen bio-zertifiziert sind, haben Konsument:innen die Möglichkeit, sich durch das Auswählen eines Häkchens im Produktkatalog einer Schwärmerei ausschließlich bio-zertifizierte Produkte anzeigen zu lassen.
Noch intensivere Beziehungen zu Bio-Produzent:innen können Konsument:innen durch die Mitgliedschaft bei einer der zahlreichen Foodcoops in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufbauen, in denen sich Personen und Haushalte zusammenschließen und selbstorganisiert biologische Produkte direkt von lokalen Bauernhöfen, Gärtnereien, Imkereien etc. beziehen.

Ein weiteres Modell ist das 2017 von Gabriel und Gonzalo Úrculo im Spanien gegründete europäische Landwirtenetzwerk Crowd Farming (https://www.crowdfarming.com/de), bei dem Konsument:innen entweder eine Pflanze (z.B. Kiwi), Rebstöcke, einen Acker, Kühe, Ziegen, Sträucher, Bäume (z.B. Orangen, Mandeln) etc. adoptieren oder ein Monatsabo lösen können und regelmäßig die Ernten direkt ohne Zwischenhandel nach Hause geliefert bekommen. Der Großteil der vor allem in Spanien und Italien ansässigen Produzent:innen ist bio-zertifiziert oder in Umstellung.

Autor

Hanni Rützler

Hanni Rützler

Foodtrendforscherin