• 19.03.2026

PPWR Verordnung: Was das neue Verpackungsgesetz für Lebensmittelhersteller bedeutet

Die EU-Verpackungsverordnung PPWR verändert die Regeln für die Verpackungswirtschaft. Was bedeutet das für Lebensmittelhersteller? Ein Gespräch mit Branchenexpertinnen und -experten.

Geschrieben von Anna Frede

Orangefarbene Messewand mit großem weißen Schriftzug „Alternative Verpackungslösungen / Alternative Packaging Solutions“ und einem Symbol für nachhaltige Verpackung; rechts ist ein Teil des Messestands zu sehen.

Mit der neuen EU-Verpackungsverordnung PPWR rücken verbindliche Recyclingquoten, Rezyklatanteile und Wiederverwendung in den Mittelpunkt und damit die Frage, wie Verpackungen künftig gestaltet, genutzt und bewertet werden. Vor welchen Herausforderungen stehen Lebensmittelhersteller? Welche Rolle spielen neue Materialien und Mehrweg? Und wie verändern Verbraucherakzeptanz und Ressourcenknappheit die Verpackungswirtschaft langfristig? Ein Gespräch mit Expertinnen und Experten aus der Branche.

Die europäische Verpackungspolitik steht vor einem Wendepunkt. Mit der Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) will die EU die Grundlagen des bisherigen Systems neu justieren. Für viele gilt die Verordnung deshalb als Schlüsselprojekt der europäischen Verpackungswende.

Dr. Carolina Schweig, Geschäftsführerin des Ingenieurbüros C.E.Schweig, Effizienz- & Verpackungsexpertin sowie Fachbeirätin bei der Stiftung Warentest, spricht von einem Meilenstein „für die Kreislaufwirtschaft, die Wettbewerbsfähigkeit und den Umweltschutz in Europa“. In ihrer Einordnung wird deutlich: Die Verpackungsverordnung PPWR ist mehr als ein Umweltinstrument. Sie setzt einen industrie- und innovationspolitischen Rahmen, der Transparenz einfordert und Verantwortung neu verteilt.

Das Bild zeigt eine Frau, die in die Kamera lächelt. Sie trägt Blazer, Bluse und Ohrringe. Im Hintergrund sind verschwommene Symbole an einer Pinnwand zu sehen.
„Die PPWR ist ein Meilenstein für die Kreislaufwirtschaft, die Wettbewerbsfähigkeit und den Umweltschutz in Europa. Die Umsetzung ist herausfordernd, aber notwendig, um Ressourcen zu schonen und Verpackungsmüll zu reduzieren – und sie leitet die EU in ein neues Wirtschaftszeitalter.“
Dr. Carolina Schweig

Für Unternehmen, die an neuen Materialien arbeiten, hat die Verordnung strategisches Gewicht. Philip Ortin, Head of Strategic Growth & Alliances bei traceless materials, betont vor allem die Bedeutung einheitlicher Regeln. Klare, verlässliche und europaweit harmonisierte Vorgaben seien entscheidend, um naturbasierte Alternativen aus der Nische in den Markt zu führen und Investitionen abzusichern. In dieser Lesart wirkt die neue EU-Verpackungsverordnung PPWR wie ein Marktsignal: Wer auf zirkuläre Lösungen setzt, erhält Planungssicherheit und damit die Chance, Innovationen im industriellen Maßstab zu etablieren.

Auch aus Sicht von Mehrweg-Anbietern markiert die Regulierung eine Zäsur. Jonathan Schröder, Co-Gründer & Geschäftsführer von CU Mehrweg, bezeichnet sie als „klares Stoppsignal“ für ein über Jahrzehnte strukturell begünstigtes Einwegregime. Zugleich verweist er auf Zielkonflikte in der konkreten Ausgestaltung. „Kritisch zu bewerten ist, dass für Mehrwegsysteme dieselben Rezyklatquoten gelten wie für Einwegverpackungen.“ Mehrweg arbeite bereits mit geschlossenen Kreisläufen und kontrollierten Materialströmen und leiste somit substanzielle Beiträge zur Kreislaufwirtschaft. Zusätzliche Quoten könnten den Hochlauf solcher Systeme unnötig erschweren.

 

Die EU-Verpackungsverordnung PPWR als Herausforderung für Lebensmittel-hersteller

Für Lebensmittelhersteller sind die neuen Vorgaben der Verordnung mit erheblichen Umstellungen verbunden. Schweig verweist insbesondere auf die Umstellung auf recyclingfähige und/oder wiederverwendbare Verpackungen. „Das betrifft auch vermeintlich ‚gute‘ Materialien wie Papier oder Glas“. Hinzu kommen Mindest-Rezyklatanteile für Kunststoffverpackungen. Lebensmitteltaugliche Verpackungen mit 30 Prozent Rezyklat sollen bereits zeitnah verfügbar sein.

Gleichzeitig gibt es hohe Anforderungen an Lebensmittelsicherheit und Hygiene. Rezyklate müssen höchsten Standards genügen, was eine engere Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette erforderlich macht, um Abfüller stärker in Entwicklungsprozesse einzubinden.

Neben technischen Fragen wächst der organisatorische Druck. Schweig verweist auf die Herausforderungen insbesondere für KMUs, denen es häufig noch an geeigneten technischen Dokumentationen für die Umsetzung der digitalen Kennzeichnung und Nachweispflichten fehle. Ergänzend erfordern die Implementierung von Pfand-/Rücknahmesystemen sowie umfangreiche Dokumentations- und Berichtspflichten neue Strukturen und Abläufe.

Ortin weist darauf hin, dass bestehende Ansätze allein kaum ausreichen werden, um die ambitionierten Ziel- und Quotenanforderungen der Verordnung zu erfüllen. Daraus entstehe eine strukturelle Lücke, die nur durch den ergänzenden Einsatz alternativer, bio-basierter und kreislauffähiger Materialien geschlossen werden könne.

 

Biozirkulär und wiederverwendbar: Neue Wege gegen Packaging Waste

Entsprechend rücken neue Materialkonzepte und systemische Alternativen in den Mittelpunkt. Das Unternehmen traceless materials entwickelt Materialien, die für den biologischen Kreislauf konzipiert sind und nach Gebrauch in natürliche Kreisläufe zurückgeführt werden können. Das Unternehmen startet mit Beschichtungen für Papierverpackungen fettiger Lebensmittel und plant weitere Lösungen im Bereich Blas- und Castfilm, etwa als PPWR-konformer Ersatz für Obst- und Gemüseverpackungen oder für trockene Produkte. Ziel ist es, bis 2030 relevante Mengen – knapp 100.000 Tonnen pro Jahr – bereitzustellen und damit marktwirksam zu skalieren.

Das Bild zeigt einen Mann, der in die Kamera lächelt. Er trägt ein grünes T-Shirt mit der Aufschrift "traceless". Im Hintergrund sind grüne Bäume zu sehen.
„Eine Zusammenarbeit über die gesamte Wertschöpfungskette ist dabei für einen Erfolg essenziell. Nur durch enge Zusammenarbeit können wir unser Material so entwickeln, dass es auch beim Brand Owner erfolgreich eingesetzt und von Verbraucher*innen genutzt werden kann.“
Philip Ortin

Parallel gewinnt Mehrweg strategisch an Bedeutung. Die EU-Verpackungsverordnung PPWR priorisiert Wiederverwendung, wobei Mehrweg insbesondere im Kontext von Abfallvermeidung und sauberen Materialströmen punktet. CU Mehrweg setzt auf leichte, stapelbare und standardisierte Behälter, die sich in bestehende Produktions- und Logistikprozesse integrieren lassen. Vor allem bei leichten Produkten im Trockensegment ergeben sich laut Schröder Effizienzvorteile gegenüber klassischen Mehrweglösungen aus Glas oder Edelstahl. Durch die Nutzung bestehender Mehrwegstrukturen im Handel und eines Netzwerks an Lohnabfüllpartnern wird der Einstieg auch für kleinere Hersteller erleichtert.

 

Nachhaltige Verpackungen als Kaufkriterium

Das Konsumverhalten in Bezug auf nachhaltige Verpackungen deutet auf eine wachsende Sensibilisierung der Verbraucherinnen und Verbraucher hin. Ortin verweist auf empirische Befunde: „Studien zeigen, dass gut die Hälfte der europäischen Verbraucher*innen beim Einkauf auf Umweltaspekte achten.“ Rund ein Drittel kaufe bewusst weniger Produkte in Plastikverpackungen; ein relevanter Anteil meide Plastik oder habe aufgrund von Verpackungsbedenken bereits die Marke gewechselt.

Schweig beobachtet insbesondere bei jüngeren und umweltbewussten Zielgruppen eine erhöhte Akzeptanz für nachhaltige Verpackungen. Eine gewisse Zahlungsbereitschaft sei vorhanden, bewege sich jedoch im niedrigen Prozentbereich und setze transparente Kommunikation voraus. Gleichzeitig warnt sie vor Reputationsrisiken durch Greenwashing. Die Verpackungsverordnung und ergänzende Regelungen zu Umweltaussagen erhöhen den Druck, Umweltversprechen belastbar zu belegen.

Für Mehrweg beschreibt Schröder eine hohe Akzeptanz, insbesondere in Deutschland. Positive Rückmeldungen und eine größere Akzeptanz des Pfandbetrags als erwartet stärken seine Zuversicht, dass Rückgabequoten von über 90 Prozent erreichbar sind, ohne dass das System als zusätzlicher Aufwand empfunden wird.

Das Bild zeigt einen Mann mit Brille, der in die Kamera lächelt. Er trägt ein T-Shirt und darüber ein gestreiftes Hemd. Im Hintergrund ist verschwommen ein Büro zu erkennen.
„Die überwiegende Mehrheit der Verbraucher*innen reagiert sehr positiv auf Pfand-Mehrwegsysteme. In Deutschland besteht dabei ein klarer Standortvorteil, da Rückgabeprozesse seit Jahren etabliert sind und Pfandautomaten regelmäßig genutzt werden. Gleichzeitig wächst die Zahl der EU-Staaten mit alltagstauglichen Mehrwegsystemen kontinuierlich und wird in den kommenden Jahren deutlich zunehmen.“
Jonathan Schröder

Nachhaltige Verpackungen strategisch nutzen

Die zunehmende Sensibilisierung der Verbraucherinnen und Verbraucher eröffnet Unternehmen zugleich neue strategische Spielräume. Nachhaltige Verpackungslösungen wirken nicht nur funktional, sondern werden immer stärker als sichtbares Signal unternehmerischer Haltung wahrgenommen. „Sie sind längst mehr als reine Schutzlösungen“, sagt Ortin, „sie sind ein Ausdruck der Haltung und Werte einer Marke.“ Nachhaltige Verpackungen und kreislauffähige Lösungen können Verantwortung und Zukunftsfähigkeit vermitteln und damit Kaufentscheidungen beeinflussen.

Schröder sieht insbesondere in neuen Mehrwegformaten ein hohes Differenzierungspotenzial. Sie erzeugten „Aha-Momente“ und ermöglichten glaubwürdige Markengeschichten mit sichtbarer Wirkung. Nachhaltigkeit werde dadurch unmittelbar erlebbar.

Schweig mahnt jedoch zur Sorgfalt. Verpackungsentscheidungen müssten faktenbasiert und regulatorisch belastbar sein. Eine vermeintlich ökologische Lösung – etwa eine beschichtete Papierverpackung – könne sich als nicht recyclingfähig erweisen oder regulatorische Vorgaben verfehlen. Unter der PPWR können solche Fehlannahmen schnell zum Risiko werden.

 

Mit der neuen EU-Verpackungs-verordnung in Richtung Circular Economy

Langfristig ist die PPWR Verordnung mehr als ein regulatorisches Detailwerk. Sie wirkt als Treiber eines strukturellen Wandels hin zu ressourcenschonenden und zukunftsfähigen Wirtschaftsmodellen. Schröder erwartet, dass Mehrweg in vielen Verpackungsportfolios zur strategischen Ergänzung wird und geschlossene Kreisläufe über den Getränkebereich hinaus etabliert werden. Ortin sieht in der Verpackungsrichtlinie einen Beschleuniger klarer Trends hin zu recyclinggerechtem Design, Materialreduktion, höheren Rezyklatanteilen und Biomaterialien. Somit steigt die Notwendigkeit, innovative Materialien schneller zu skalieren – getragen von regulatorischem Druck und wachsender Marktnachfrage.

Schweig ordnet diese Dynamik in einen größeren wirtschaftlichen Kontext ein: „Wir bewegen uns in einer veränderten Wirtschaftswelt, in der künftig nicht mehr alle benötigten Rohstoffe in ausreichendem Maße verfügbar sind.“ Ziel müsse es sein, den Rohstoffverbrauch vom Wirtschaftswachstum zu entkoppeln und Wachstum bei sinkendem Ressourcenverbrauch zu ermöglichen. Für die Verpackungswirtschaft bedeutet das: Verpackungen minimieren, Materialien konsequent im Kreislauf führen und Wiederverwendung systematisch ausbauen. Der größte Hebel liege in der ganzheitlichen Optimierung entlang gesamten Verpackungskette – von der Primär- bis zur Transportverpackung – und in der Korrektur verbreiteter Fehlannahmen, etwa dass größere Wandstärken automatisch besseren Produktschutz garantieren.

 

FAQs – die neue EU-Verpackungs-verordnung PPWR kurz und knapp

Was ist das neue Verpackungsgesetz?

Die PPWR (Packaging and Packaging Waste Regulation) ist die neue EU-Verpackungsverordnung „Verordnung (EU) 2025/40“ und löst die bisherige Richtlinie ab. Als unmittelbar geltende Verordnung ist sie in allen Mitgliedstaaten verbindlich, ohne dass diese sie erst in nationales Recht umsetzen müssen. Ihr Ziel ist es, Verpackungsabfälle zu verringern, das Recycling auszubauen und die Kreislaufwirtschaft europaweit zu stärken.

 

Für wen gilt das Verpackungsgesetz? 

Die EU-Verpackungsverordnung PPWR erfasst nahezu alle Verpackungen, die in der EU in Verkehr gebracht werden – unabhängig davon, ob sie aus Kunststoff, Papier oder Verbundstoffen bestehen. Als Verpackung gilt jedes Produkt, das dazu bestimmt ist, ein anderes Produkt zu schützen, es zusammenzuhalten, Transport oder Verkauf zu ermöglichen oder Waren am Verkaufsort zu präsentieren.

 

Ab wann gilt das neue Verpackungsgesetz?

Ab August 2026 gelten EU-weit die neuen Vorgaben der europäischen Verpackungsverordnung. Ab dann wird sie stufenweise bis 2030 weiterentwickelt.

Autor

Porträt von Anna Frede
Anna Frede
Junior PR Consultant | modem conclusa gmbh